Wir sind doch alle irgendwie „die neuen Juden“, oder?

“Wir sind die neuen Juden” ließ Heinz-Christian Strache, der Vorsitzende der rechtsradikalen Partei FPÖ, am Freitag beim völkischen WKR-Ball verlauten. Achso, diese Neonazis, Holocaustleugner*innen und Volksgemeinschaftsfetischist*innen sind also “die neuen Juden”. Und sowieso waren die Proteste gegen die Burschenschaftlerfete in der Hofburg gemeingefährlich, ja, haben die Besucher*innen in “Todesangst” versetzt, sodass, wie Strache weiß, den Neonazis ein Einblick in die Gefühlswelt der Juden während der (nicht sogenannten, sondern DER) “Reichskristallnacht” möglich war. Aha, gegen “die neuen Juden” wurden also schon Progrome geplant und durchgeführt. Aber natürlich vergleicht Strache sich nicht mit den jüdischen Menschen während des Nationalsozialismus, er hat immerhin “tiefstes Mitgefühl mit allen Opfern des nationalsozialistischen Regimes”, deshalb seien seine Äußerungen auch nicht relativierend. Soso, hinter “dieser Hetzkampagne” gegen ihn und seine Partei stecken eh die Linksextremisten, ein unmoralischer Journalist der österreichischen Tageszeitung “Der Standard”, ach, eigentlich die Medien insgesamt, immerhin engagiert sich die “Freiheitliche Partei” auch “gegen jede mögliche Wiederholung des Holocaust”.

Strache, seinen Kamerad*innen und allen Kommentierenden scheint ein Haken an der ganzen Sache jedoch nicht aufgefallen zu sein: Schon seit Jahren ist doch bekannt, dass die Muslime “die neuen Juden” sind! Das hätte mal jemand Strache sagen sollen, dann würde er nun mit einem schicken, glänzenden österreichischen Orden, das „Große Goldene Ehrenzeichen mit dem Stern“, rumlaufen, das ihm der Bundespräsident Heinz Fischer aufgrund seiner rhetorischen Entgleisungen vorenthalten will. Oder sollte nicht jeder Mensch und jede Gruppe das Recht haben, sich als “die neuen Juden” als Opfer unsäglicher Diskreditierung zu identifizieren? Immerhin wurde jede*r schonmal beschimpft oder geärgert: von Antifaschist*innen, von Faschist*innen, von Sexist*inne, Rassist*innen, von einfach bösen Menschen oder von Mutti, wenn das Zimmer nicht aufgeräumt war. Da ist doch dieser Judenvergleich vollkommen legitim oder nicht?
Aber eines müsste doch in jedem Fall klar sein: Es können nicht mehrere Gruppen gleichzeitig “die neuen Juden” sein, das widerspricht ja der Tatsache der Singularität und unvergleichlichen Barbarei der nationalsozialistischen Judenverfolgung, die auf eine Jahrtausend lange Geschichte der Diskriminierung, Verfolgung, Vertreibung, Progrome und Ermordung aufbaut. Also doch eher nacheinander, heute du, morgen ich?

Wir sagen ganz entschieden, NEIN!

Weder Muslime, noch sich selbst als “Opfer” inszenierende Faschist*innen sind “die neuen Juden”. Der Antisemitismus, besonders in seiner eliminatorischen Prägung bei den Nationalsozialist*innen, ist eine mit nichts vergleichbare Ideologie, die zur industriellen Vernichtung von sechs Millionen Jüdinnen und Juden geführt hat, den Staat Israel, der als Konsequenz aus Auschwitz gegründet wurde, in seiner Existenz bedroht und immer noch in mörderischen Progromen sein hässliches Gesicht zeigt. Den antifaschistischen Protest gegen den WKR-Ball als “Reichsprogromnacht” zu bezeichnen ist eine Schamlosigkeit und sich mit den jüdischen Opfern des Nationalsozialismus gleichzusetzen eine unverzeiliche Relativierung, über die wir nur fassungslos den Kopf schütteln können. Doch Strache steht nicht allein da mit seiner verkürzten Geschichtsauffassung: In Österreich wird die nationalsozialistische Vergangenheit des Staates kaum beleuchtet, nur beginnt gerade langsam der Prozess der “Aufarbeitung” nach deutschem Vorbild, um endlich mit der Geschiche abschließen zu können und im antisemitischen, rassistischen Alltag zufrieden stehen zu bleiben. Stracher zeigt besser als jeder anderer, gerade auch durch das mediale Echo, wie wichtig immer noch, oder gerade jetzt, eine Reflexion der nationalsozialistischen Verbrechen und emanzipatorische Schlüsse daraus auch in der Öffentlichkeit sind.
Doch für Strache und seine Kamerad*innen bringt wohl auch das dickste Geschichtsbuch nichts.

Für uns ist aber klar: Antifaschistischer und emanzipatorischer Protest gegen menschenverachtende und antisemitische Normalitäten ist richtig!

Interview mit H. C. Strache beim ORF:
http://tvthek.orf.at/programs/1211-ZIB-2

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2 Antworten auf „Wir sind doch alle irgendwie „die neuen Juden“, oder?“


  1. 1 porrporr ★ ⁄ ⃝⁄ (@porrporr) 01. Februar 2012 um 19:40 Uhr

    Hier eine Liste mit videos rund um den rechtsextremen WKR Ball auf Youtube von @infopointaudim http://www.youtube.com/playlist?list=PLA9990C4E8C492DD6&feature=g-user-a

    Da ist auch das Strache Interview dabei (nur 1 Woche in der TV Thek)

    Wenn du dir etwas sehr gruseliges anschaun willst:
    http://vimeo.com/35983817

    Interessnter aber:
    http://fernseherkaputt.blogspot.com/2012/01/osterreichs-medien-und.html

    lg aus wien, alerta antifascista !
    prrprr

  2. 2 klaus 02. Februar 2012 um 16:54 Uhr

    hey prrprr,danke für die links! werd ich mir mal alles ansehen… :)

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