Gegen jedes Mackertum!

Anhand meiner Erlebnisse auf einer antifaschistischen Demonstration in Frankfurt am Main werde ich hier ein paar Beobachtungen über den Umgang miteinander in der linksradikalen Szene notieren.

Das Netzwerk Frankfurter Antifaschist_innen hatte zum 28.01. zu einer Demonstration gegen Verfassungsschutz, rechten Terror und Extremismusdoktrin aufgerufen. In der Erläuterung wurde eindeutig auf die Jahrestagen der Befreiung Auschwitz durch die Rote Armee am 27.01.1945 und der Machtübernahme Hitlers am 30.01.1933 Bezug genommen und das Datum der Demo in diesen historischen Kontext gesetzt. Vor diesem Hintergrund müssen sich die Ereignisse dieses Samstages messen lassen und erscheinen noch einmal in einem problematischerem Licht als ohnehin schon.

Aus den Unterstützer_innen des Netzwerkes lässt sich bereits ablesen, dass das Ziel, den Naziaufmarsch in Dresden zu verhindern und mit der Demonstration am 28.01. ein deutliches Zeichen für autonomen Antifaschismus zu setzen, die verschiedenen Strömungen verbunden hatte. Von daher sollte sich niemand verwundert zeigen, wenn man dann neben Antideutschen und Antiimperialisten auf der Straße stand.
Dennoch schien dies nicht allen Teilnehmer_innen der Demonstration klar zu sein. Nachdem sich der Zug vom Hauptbahnhof Richtung Hauptwache in Bewegung gesetzt hatte, wurde ein junger Mann, der eine Israelfahne bei sich trug, auf Höhe des Occupy Camps vor der EZB von einer älteren Frau rüd angeschrien. Ihrer Meinung nach hätten „Nationalisten“ auf einer antifaschistischen Demonstration nichts zu suchen.
Die Frage inwiefern das Symbol eines Staat, der aus der historischen Situation nach dem Zweiten Weltkrieg hervorgegangen ist, und einen Schutzraum für Jüdinnen und Juden darstellt, dessen Notwendigkeit durch den Zivilisationsbruch der Shoa bewiesen ist, an dieser Stelle ein Indiz für Nationalismus ist, spielt an dieser Stelle eine nebensächliche Rolle.
Es geht vielmehr um die Art und Weise wie die Auseinandersetzung geführt werden. Leider ist dabei festzustellen, dass von beiden Seiten eine konstruktive Diskussion nicht gewünscht war. Schon allein die Form, in der die Frau ihr Problem, das sie ja offensichtlich hatte, artikulierte, liess nicht darauf schließen, dass es ihr darum ging die Motivation des jungen Mannes zu erfahren und ihren eigenen Standpunkt darzulegen, sondern nur ihr vorgefertigtes Weltbild hinauszurufen und andere, ihm nicht entsprechende, zu diffamieren.
Sicherlich muss die Reaktion auf den verbalen Angriff in Realation dazu gesehen werden, dennoch ist dies keine Entschuldigung für den pauschalen Vorwurf des Antisemitismus, der von dem Antifaschisten mit der Fahne geäußert wurde. Im Verlauf des Disputes fiel das Wort „Fotze“ und der junge Mann wurde von der Frau angespuckt. In meinen Augen spielt die genaue Reihenfolge dabei keine Rolle, jede Tat an sich ist indiskutabel und eines Umganges unter Antifaschist_innen nicht würdig.
Nun wurde von Teilen der Demonstration versucht den Genossen aus selbiger auszuschliessen – wohlgemerkt nur eine_n der beiden Diskutant_innen. Dies konnte jedoch durch sich solidarisch zeigende Menschen verhindert werden. Auch dieser Vorgang zeugt meines Erachtens von einem falschen Verständnis des Problems.
Dannach blieb es – soweit ich es überblicken konnte – zunächst ruhig. Während der Schlusskundgebung auf dem Römerberg jedoch kam es zu einem weiteren Zwischenfall. Der letzte Redebeitrag vor dem Ende der Demonstration kam von der Gruppe der hobbycommunist_innen, die den Jahrestag der Befreiung Auschwitz thematisierten. In dem Text wurde mit umfangreichen Zitaten kategorische Imperativ Adornos betont und festgestellt, dass Antisemitismus ein Problem aller Teile des politischen Spektrum ist. Nach dessen Verlesung wurde von einer kleineren Gruppe „Einmal Auschwitz ist zuviel – am längsten lebe Israel“ skandiert. Noch bevor sie damit fertig waren, lief ein anderen Teilnehmer der Demonstration auf sie zu und stieß einen der Antifaschisten. Daraufhin begann ein kleinerer Tumult, wobei sich ein Mensch auch rüd an mir vorbeidrängelte um auch ja keine Konfrontontation zu verpassen. Genervt und frustriert von diesem sehr aggressiven und dominanten Verhalten beider Seiten habe ich dann den Ort des Geschehens verlassen. In der Berichterstattung auf Indymedia lässt sich kein Verweis auf diese Vorfälle finden, lediglich in den Kommentaren wird ansatzweise eine Diskussion geführt. Deren Ton ist aber auch unerträglich und von Vorwürfen und Ausgrenzung geprägt. Besonders gegenüber den Antideutschen wird da meines Empfindens nach eine sehr aggressive Wortwahl an den Tag gelegt [dies kann aber auch mein subjektiv-betroffener Eindruck sein].
Im Laufe des Textes und durch die Auswahl der hier verlinkten Blogs ist mein Standpunkt in der Sache sicherlich deutlich geworden. Dennoch möchte ich festhalten, dass ich das agieren beider Seiten als mehr als suboptimal einschätze. Hier werden wichtige Auseinandersetzung auf mackerhaft, männlich-dominante Weise geführt, die in einer reflektierten und emanzipierten radikalen Linken unnötig sind.

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