Unkritische Selbstreflexion

Eigentlich war es mir schon vorher klar. Aber letztens wurde es mir wieder besonders in Erinnerung gerufen: ich habe auch Freund_innen, die entfernt von mir wohnen, und nicht in der Stadt, die ich als meinen Lebensmittelpunkt bezeichnen würde. Um nun diese Freund_innen zu besuchen und in die Provinz zu fahren, bedarf es der Wahl eines geeigneten Verkehrsmittels.

Die Deutsche Bahn kam für mich nicht in Frage. Einmal des ersten Wortes wegen, das im Namen vorkommt und zum Anderen, ist es einfach stillos mit der Bahn zu fahren. Also entschied ich mich für ein anderes Abenteuer: die Mitfahrgelegenheit. Günstig – flexibel – einfach – schnell. Eine großartige Erfindung. Jedoch hat die ganze Sache einen gravierenden Nachteil: die anderen Menschen. Und im Gegensatz zur Bahn kann ich das Fahrzeug hier nicht einfach verlassen, wenn diese mir auf unsägliche Art und Weise auf den Geist gehen.

Und so war es dann auch. Ich würde mal kurz die Menschen beschreiben, mit denen ich über eine Stunde lang in einem Fahrzeug eingesperrt bleiben durfte.

Der Fahrer. Ich glaube, so etwas wird heute als Atze bezeichnet. Irgend so ein Typ halt, fetter Neuwagen, Haargel im 12mm langem Haar (werde ich niemals verstehen), raucht Light Zigaretten, kann nicht mehr als 3 Worte zu einem Satz zusammenfassen und hört schlechten Techno, der eigtl auch nur aus Popsongs der letzten 10 Jahre besteht, die mit fetten Beats unterlegt wurden.

Die Beifahrerin. Ich glaub ich nenne sie Schnegge. Nicht weil ich Menschen so nennen möchte. Sondern weil ich das Gefühl habe, dass der Atze (ihr Freund) sie so nennt. Sie kam an mit einem Eis in der Hand und ich hatte gleich den Verdacht, sie würde jeden Moment sagen „Das ist meine einzige Mahlzeit heute, ansonsten bekomme ich Pickel und nehme gleich wieder ein Kilo zu.“

Meine beiden weiteren Mitfahrer halte ich eigentlich nicht weiter für erwähnenswert. Einer sah aus, als könnte er sich nicht zwischen der Metal-Szene und beginnendem Erwachsenwerden entscheiden. Außerdem macht er eine Ausbildung zum Reiseirgendwas und begann nach wenigen Sekunden Fahrt sich Weltkarten anzuschauen und Kürzel auswendig zu lernen. Von dem Anderen hab ich kein Wort gehört.

Nun saß ich da auf der Rückbank eines SUV’s eingequetscht zwischen Tür und Metal-Typ und wusste schon beim Ortsausgangsschild nichts mehr mit mir anzufangen. Das Highlight jedoch, war der erste Gesprächsfetzen zwischen Schnegge und Atze. Sie begannen sich über eine Obi Radiowerbung zu unterhalten. Ich weiß nicht mehr genau, worum es in der Werbung ging – ich kann mich nur noch an Schnegges Beschreibung, wie süß doch dieser Biber eigentlich ist, erinnern– ich setzte jedenfalls meine Kopfhörer auf, um mir eine gepflegte Ladung Elektro in die Ohren zu hauen.

Und während die Bässe auf meine Ohren wummerten, kam ich nicht umhin mich zu fragen: Wie können Menschen nur über Obi-Werbung reden, während es so wichtige Probleme auf der Welt gibt? (überteuerter Latte Macchiato, Deutschland, schlechte Cosmopolitans, Deutschland und Getränkemärkte ohne Club-Mate) Oder liegt es an mir? Ist vielleicht Obi-Werbung die einzig richtige Lektüre, und nicht Adorno? Sollte ich vielleicht die Diät-Tipps in der aktuellen Bild der Frau lesen und nicht ein viel zu wirres Buch von Judith Butler? Ist meine Lebensrealität eine Blase mit zu festen Wänden, in der sich nur verranzte linksradikale Schuppen, queer-theory Seminare und Nagellack befinden? Sollte ich diese Blase platzen lassen und mich endlich einem normalen Leben hingeben?

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